MATTHIAS "LULY" WALZ / SICKING HIGH ROCK Open Air
09.02.2022
Links: sicking-high-rock.de & facebook.com/SickingHighRock

Matthias Walz, welcher gemeinhin Luly genannt wird, startete im Juni 2016 in seinem 1.300-Seelen-Heimatort Weselberg die Freiluftveranstaltung "Sicking High Rock" (SHR). Mittlerweile erfreut sich das relativ kleine, aber feine Open-Air großer Beliebtheit. Somit ist es auch nicht verwunderlich das Walz & Team bereits europaweit bekannte Bands wie JADED HEART, THE UNITY, JUNKYARD DRIVE oder DOUBLE CRUSH SYNDROME in die provinzielle Südwestpfalz locken konnten.
Unser Pit unterhielt sich mit dem kontaktfreudigen und stets gut gelaunten Organisationstalent über besagtes Event.

Schweres-Metall (SM): Servus Luly, wie kamst du 2016 eigentlich auf die Idee in der kleinen Gemeinde Weselberg ein sogenanntes Open-Air mit hauptsächlich Bands aus den Genres Hard Rock und traditionellem Heavy Metal zu veranstalten und war der Musikverein, welcher das Gelände zur Verfügung stellt, direkt einverstanden?
Luly: Servus Pit. Das Festival entstand durch puren Zufall. Zwei Monate vor meinem 50sten. Geburtstag ging ich mit meiner Frau in die Musikhalle des Musikvereins (MV)Leatitia e.V., um zu schauen, ob wir den großen Saal mieten oder das Nebenzimmer. Die Musiker hatten gerade ihre Probe beendet und man kam ins Gespräch darüber was man das letzte Wochenende so gemacht hatte. Wir teilten mit, dass wir mit der Schweizer Heavy Metal Band „Crown Of Glory“ auf Tour waren. Reinhold Adrian und Ralf Lutz vom MV sagten dann: "Du Luly, wenn du doch so gute Connections hast in der Musikszene, könntest du nicht mal etwas ausmachen, wir haben doch die große Bühne hinter der Halle, die nur einmal im Jahr am Gartenfest genutzt wird?!" Dieser Satz lies mich die folgende Nacht nicht mehr los. Ich wusste aber dass der Aufwand, die Kosten und somit das Risiko für ein Konzert mit ein oder zwei Bands viel zu groß ist. Dann kam mir die Idee: Ein Festival muss es sein!

SM: Diesbezüglich vermute ich das sich die Zusammenstellung des Line-Ups, sprich die Band-Akquise für die erste Ausgabe des SHR nicht so einfach gestaltete, da du selbst und der Austragungsort ja absolut unbekannt waren.
Welche Erfahrungen hast du damals gemacht?
Luly: Es war eigentlich doch recht einfach. Ich rief sonntags nach unserer Besichtigung der Halle Freunde von uns an: Crown Of Glory aus der Schweiz, Red Raven aus Saarbrücken, Midnite Sky (Stuttgart), Mike Gerhold aus Kassel und startete einen Aufruf für eine Nachwuchsband aus der Region. Wir entschieden uns daraufhin für The Watching aus Nanzdietschweiler. Wir waren uns mit allen Bands schnell einig und es regnete Zusagen. RED RAVEN musste in der Folge jedoch absagen, da deren Sänger Frank Beck ein Auftritt mit GAMMA RAY dazwischenkam. Daraufhin wurde uns Surrender The Crown, ebenfalls aus Saarbrücken empfohlen, die dann ja auch spielten. Die Jugendabteilung des Musikvereins sollte als Anheizer fungieren. Unter der Flagge "Rock Meets Brass" präsentieren sie seither zu Beginn jedes Festivals diverse Rock-Klassiker auf ihren Blasinstrumenten. Als nächstes rief ich einen befreundeten Veranstaltungstechniker an und erkundigte mich nach einem Angebot, erstellte eine Kalkulation und legte sie dem Musikverein der als Veranstalter fungieren sollte. Die Idee ging in den Ausschuss und nach circa zwei Wochen kam die Nachricht "Du Luly, wir machen das!". Schließlich musste noch ein Name her. Ich wollte meine geliebte Heimat, die Sickinger Höhe, unbedingt im Namen haben und doch sollte es als Rock Festival ein bisschen englisch klingen: "Sicking High Rock" war geboren. Meine Erfahrungen waren durchweg gut, ich hatte ja allen Bands mitgeteilt, dass es das erste Festival hier ist und das wir es ohne jegliche Erfahrung organisieren. Die Unterstützung der teilnehmenden Bands war toll und alle hatten riesige Lust drauf hier zu spielen.
Mittlerweile bekommen wir etwa 600 Bewerbungen pro Jahr aus aller Welt, sodass es mittlerweile gar schwieriger ist das Band-Line-Up zusammenzustellen als beim Debüt.

SM: Wie reagieren eigentlich die Anwohner auf das SHR., sprich auf den jährlichen Ansturm von Langhaarigen, vorwiegend schwarz gekleideten Musik-Fans, da sich der Veranstaltungsort ja quasi mitten im Dorf befindet?
Luly: Zu Angang waren die natürlich ein wenig skeptisch und vielleicht auch ein wenig ängstlich denk ich. Die dachten wohl da kommt eine Horde langhaarige, Tätowierte, wild gewordene Horde ins Dorf. Spätestens beim ersten Einlass wurde bemerkt, dass die Metaller, trotz ihrem Aussehen, sehr friedliebende Menschen sind die nur bei lauter Musik ein bisschen feiern wollen. O-Ton eines Kassierers: "Jeder Einlass bei der Kerwe oder Fasching ist stressiger als hier!".
Mittlerweile freuen sich die Einheimischen jedes Jahr, wenn die Metaller das Dorf "befallen", um hier ihrer Berufung nachzugehen. Natürlich ist es dem ein oder anderen zu laut, das mag doch wohl eher an der Musikrichtung liegen. Es handelt sich aber hier wirklich nur um ganz wenige Personen.

SM: Die großzügige, überdachte und vor allem feststehende Bühne ist sicherlich ein großer Pluspunkt im jährlichen Organisationsaufwand. War dies der Hauptgrund einst das Gelände des bereits erwähnten Musikvereins ins Auge zu fassen und wie reagieren Musiker und Festival-Besucher, wenn Sie die Bühne erstmals sehen?
Luly: Genau! Wie schon zuvor erwähnt, war die große so gut wie ungenutzte Bühne der der Auslöser. Klar macht es dies um ein Vielfaches einfacher, wenn schon eine solche Bühne vorhanden ist. Jedoch sind Musiker und Zuschauer nicht nur von dieser Attraktion begeistert, denn das Gelände in Verbindung mit der Bühne und dem Ausblick über die Sickinger Höhe macht das Flair aus. Mit den vorhandenen Bäumen sowie der Beleuchtung handelt es sich ja hier eher um eine Heavy Metal-Garten-Party mit 666 Gästen als um ein Festival der bekannten Art. Viele Leute, die da waren, haben schon zu mir gesagt "Vollkommen egal wer hier spielt, allein die Location ist es wert hierher zu kommen." Klar sind die Musiker von dieser begeistert, auch wenn diese nicht die Dimensionen von "Wacken" oder dem "Bang Your Head" hat.

SM: Mit dem vom Event-Start weg kommunizierten Motto, bzw. dem Anspruch ein familiäres Festival sein zu wollen wurde die Messlatte hoch angelegt. Diesbezüglich ist der Ticket-Verkauf stets auf besagte 666 Stück begrenzt - obwohl deutlich mehr Platz auf dem Gelände wäre - und das Camping ist gar kostenlos. Wer schon einmal ihr Open-Air besucht hat, wird zustimmen das der besagte Anspruch in jeglicher Hinsicht umgesetzt wurde. Ich nehme an du und dein Team hatten diesbezüglich negative Erfahrungen auf anderen Festivals gemacht und wollte es besser machen, korrekt?
Luly: Mein erstes Festival war 1983 das "Monsters Of Rock" in Kaiserslautern und bis dato war ich auf etlichen weiteren. Viele Dinge, die mir dort nicht gefallen haben, versuchen wir hier zu vermeiden. Angefangen beim Line-Up. Wir legen hier sehr viel Wert auf den Character der Bands. Wir wollen keine Musiker, die vom Hotelzimmer mit dem Mercedes zu Bühne fahren und nach dem Auftritt wieder in denselben steigen, um abzudüsen. Die Live-Performance sowie der Spaßfaktor der Bands müssen stimmen. Ein großer Name bürgt nicht automatisch für großartige Live-Qualität. Familiär heißt bei uns, dass auch nicht nur das die Metal-Fans eine Familie sind. Bisher haben sich auch alle Musiker unters Publikum gemischt und man kann mit ihnen unproblematisch ins Gespräch kommen. Ich finde Dixie-Klos richtig eklig, von daher gibt es hier keine. Es stehen Keramik-Toiletten in der Musikhalle zur Verfügung.
Der Campingplatz ist eine etwa 9.000 qm große Wiese die großzügigerweise von Matthias Märkl umsonst zur Verfügung gestellt wird und direkt neben dem Festivalgelände liegt. Der Eintrittspreis soll moderat bleiben, um möglichst vielen die Möglichkeit zu geben kommen zu können. In diesem Jahr kostet der Eintritt im Vorverkauf 24 Euro. Das sind umgerechnet 3 Euro pro Band und das bei einem internationalem Line-Up. Kinder bis 12 Jahre genießen in Begleitung eines zahlenden Erwachsenen freien Eintritt. Das Umsetzen dieses Festivals ist auch nur möglich durch die unendlich vielen Helfer des Musikvereins und Freunden sowie der Sponsoren. Hier verdient auch niemand Geld, sondern der komplette Erlös kommt dem Musikverein zugute. Der Gewinn wird in die Nachwuchsförderung gesteckt sowie in Erhaltung und Renovierung der Halle investiert. Zudem möchte ich bezüglich des Stichworts familiär noch folgendes erwähnten: Wir Metaller haben anlässlich des 90-jährigen Jubiläums vom Musikverein Laetitia spontan sonntags morgens (nach unserem Open-Air) einen Traktor organisiert, um beim Umzug durchs Dorf dabei sein zu können.

SM: Das ist sehr lobenswert.
Zudem wird in jedem Jahr ein Euro pro verkauftes Ticket für einen wohltätigen Zweck gespendet.
Bis dato wurde bereits das Kinderhospiz Saar in Neunkirchen, die Stiftung Mama hat Krebs sowie der Kindergarten sowie der Förderverein der Grundschule in Weselberg beschenkt.
Stand dieses gemeinnützige Ansinnen von Beginn an auf ihrer Festival-Agenda?

Luly: Das ist korrekt.
Von Anfang an war klar, dass wir das machen wollen. Der eine Euro tut keinem weh und zahlreiche Kinder können sich dadurch freuen.
Die Facebookgruppe "Metal verbindet" spendet ebenso jährlich einen dreistelligen Betrag, da kommt dann schon was zusammen.

SM: Ist es für Sie vorstellbar zukünftig bei entsprechender Nachfrage die angebotene Ticket-Anzahl zu erhöhen und ist das kostenlose Campen - Stichwort Abfall - zukünftig machbar?
Luly: Würden wir das Gelände komplett mit den zugelassenen 2.500 Besuchern auslasten, wäre es nicht mehr so einfach möglich mit den anwesenden Künstlern ins Gespräch zu kommen. Von daher belassen wir es bei 666 Zuschauern, um dem Motto "familiär" auch treu bleiben zu können. Wir wollen nicht höher, schneller, weiter, das würde das Flair dieses Festivals vermutlich zerstören.
Das kostenlose Campen ist auf jeden Fall weiterhin machbar, da wir diese Wiese unentgeltlich zur Verfügung gestellt bekommen. Mit dem Abfall haben wir tatsächlich keine Probleme, denn unsere Fans hinterlassen tatsächlich keinen Müll. Die Wiese sieht hinterher so aus wie zu Beginn. Ich spreche mit den Leuten auf dem Camp-Ground bitte keinen Müll zu hinterlassen, da diese Wiese als Tierfutter dienen muss und wenn sie vermüllt sie uns im nächsten Jahr nicht mehr zur Verfügung gestellt wird. Das funktioniert sehr gut.

SM: Schön zu hören. Welche Konzerte innerhalb des SHR-Kontexts sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben und welche wäre ihre persönliche Traum-Band auf dem Open-Air?
Luly: Alle bisherigen Gigs waren Highlights. Mir ist es wichtiger, dass die Bands den Zuschauern im Gedächtnis bleiben, dementsprechend suchen wir auch das Line-Up aus. Ein Traum wäre es Lynyrd Skynyrdhier zu haben, aber dies wird wohl auch ein Traum bleiben. Ansonsten bleiben wir unserem Motto treu die für unsere Möglichkeiten besten Live-Bands zu verpflichten

SM: Von welchen Bands und Sängern bist du inspiriert oder gar beeinflusst?
Luly: Ich wuchs damit auf Sebastian Bach (Ex-Skid Row) zuzuhören und er gehört noch immer zu meinen absoluten Lieblingssängern.
Zudem bin ich ein großen Fan der Großmeister Ronnie James Dio und Rob Halford.

SM: Es gibt doch bestimmt etliche lustige Anekdoten vom "Sicking High Rock", lass uns bitte teilhaben?
Luly: Gleich beim ersten SHR bekam ich morgens um 9 Uhr am Frühstückstisch folgenden Anruf: "Du Luly, ich stehe in Karlsruhe und meine Frau hat mich gerade angerufen, dass ich meinen Keyboard Ständer zu Hause in der Schweiz vergessen habe. Kannst du eventuell einen besorgen?". Es war Philipp Meier der Keyboarder des Headliners Crown Of Glory. Da bist du also eh schon nervös wie verrückt, ob das heute alles klappt und dann so etwas! Einen einfachen Ständer hätten wir leicht besorgen können, aber nein, der Herr benötigt einen Doppelten... Ich musste zum Gelände, um nach dem Rechten zu schauen hatte deswegen gar keine Zeit. Meine und Mike Gerholds Ehefrau telefonierten drei Stunden alle Musikgeschäfte in der Gegend ab bis sie das Teil in Pirmasens kaufen. Da hing mir das Herz bis in die Hose, aber heute kann ich darüber lachen. Andy Brings von Double Crush Syndrome schrieb im Vertrag unter Sonstige Bedingungen das Wort "Kuchen". Mit seiner Erlaubnis veröffentliche ich diesen Passus bei Facebook und zahlreiche Fans backten daraufhin Kuchen, um ihn hier für Andy zu spenden. Das Highlight war eine Torte mit dem Cover der damals aktuellen CD. Beim Präsentieren der Kuchen stolperte ich und mein Kuchen flog durch die Gegend. Zum Glück trug ich nicht die Torte mit dem Logo und alles wurde schön mit Video aufgenommen.

SM: Wie schwer wogen für dich als Veranstalter die Pandemiebedingten Absagen der Jahre 2020 und 2021, wie siehst du momentan die Chancen das diesjährige für den 25. Juni terminierte S.H.R. unter annähernd normalen Bedingungen durchführen zu können und welche Zukunftsaussichten vermutest du für die Konzertveranstaltungsbranche im Allgemeinen?
Luly: Schwer wogen sie eher emotional. Uns entstanden in Anführungszeichen nur Kosten für Flyer, Plakate und Tickets. Dieser Verlust hielt sich aber noch in Grenzen.
So wie es momentan aussieht schätze ich die Bedingungen als sehr gut ein. Zugute kommt uns mit Sicherheit auch die Größe unseres Festivals. Ich denke das auf jeden Fall 500 bis 1.000 Leute bei Open Airs zugelassen werden. Unter diesen Umständen ist unser Festival mit einem Hygienekonzept auf jeden Fall durchführbar.
Im Sommer wird es mit Sicherheit wieder losgehen können. Ich hoffe jedoch, dass sich die Branche vollständig erholen kann, denn ich will noch lange Heavy Metal hören und vor allem sehen.

Interview: Pit Schneider
Fotos: © 2022 by Matthias "Luly" Walz